Datenrutsch

Viele WEB-Seiten haben sich an die neuen Datenschutzgesetze angepasst, aber in der Privatsphäre bleibt noch viel zu tun. Wie man sich zum Beispiel am Bartresen vorstellt, ist gar nicht mehr so einfach. Am besten beginnt man irgendwie so:

Wenn du mir Deinen Vornamen gibst, werde ich mir das merken. Ich nutze Deinen Vornamen gemäß DSGVO ausschließlich dafür, dass ich besser die heutige Diskussion mit dir durchführen kann. Spätestens nach dem 4. Whisky habe ich deinen Vornamen wieder komplett vergessen.

Deinen Vornamen werde ich nur mit Deiner ausdrücklichen Genehmigung an Dritten übergeben. Mit deiner Genehmigung kann ich zum Beispiel dem Barmann Deinen Vornamen weitergeben. Dein Vorname wird in diesem Fall nur dafür genutzt, dass er dir die Bestellung bringen kann. Du kannst zu jeder Zeit dem Barmann die Benutzung deines Vornamens verbieten. Er wird sich an deinen Vornamen nur solange erinnern, wie es nötig ist, um das Service-Verhältnis zu Ende zu bringen.

Sollte es zwischen uns zu einer intimen Beziehung kommen, kann ich deinen Vornamen bis zu 2 Wochen in meinem Gedächtnis speichern. Danach werden alle personenbezogenen Informationen gelöscht. Dazu zählen zum Beispiel deine Parfümmarke und deine Augenfarbe.

Selbstverständlich ist der Schutz deiner persönlichen Informationen mir wichtig. Du hast das Recht auf eine komplette Löschung Deiner Dateien einmal im Jahr zu Sylvester. Das nennt man Datenrutsch. Du kannst mir jederzeit eine Nachricht schicken mit dem Text „Vergiss mich“. Du darfst aber gerne auch einfach so anrufen. Ich heiße übrigens Sirkka.

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Unsterblichkeit oder 5 Minuten Ewigkeit

Der Traum von Unsterblichkeit hat Menschen schon seit Jahrtausenden fasziniert. Ob hierzulande oder in einer anderen Welt, viele möchten am Liebsten ewig leben. Manchen reicht das Glauben an die Seelenrettung, Andere lassen ihren Körper einfrieren in der Hoffnung, dass das ewige Leben irgendwann entdeckt wird.

Nur wenige scheinen konkret über Nachteile nachgedacht zu haben. Nicht nur, dass es schon jetzt ziemlich voll in der U-Bahn um 7.30 morgens ist und die Ressourcen des Planet reichen kaum, um alle Menschen zu ernähren. Auch auf individueller Ebene könnte ein ewiges Leben zu einen Albtraum werden.

Denkt an die Frau, die von ihrem 154. Liebhaber schon wieder verlassen wird, oder an den Mann, der zum 34. mal entdeckt, das in seinem Haus Schimmelprobleme gibt. Wie fühlt es sich an nach dem 54. Scheidungsverfahren oder nach dem 84. Zahnwurzelbehandlung ?

Schon wenn man an die ganzen Enkelkindern von Enkelkindern denkt, wird einem schwindelich. Wenn die tausendjährige Oma zum Weihnachten allen Verwandten eine Karte schicken will, kann sie gleich eine Druckerei kaufen.

Ich bin nicht einmal ein halbe Jahrhundert alt, und ich kenne schon den Gedanken: muss ich das jetzt schon mal wieder erleben ? Zum Beispiel : man kommt zurück vom Urlaub, bemerkt, dass das Konto leer ist, und denkt : ach, schon wieder muss ich einen neuen Job suchen. Wenn wir unsterblich wären, würde der freundlicher Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur uns erklären: Füllen Sie bitte Ihr Lebenslauf lückenlos für die letzten 500 Jahren aus. Ein genauer Datum für jeden Beschäftigungsanfang und -ende ist erforderlich.

Zum Glück haben wir Clowns die Möglichkeit, das Leben von Innen zu vergrößern, statt ewig zu leben. Für Clowns sind einfache Aufgaben so kompliziert, das auch kleine Details groß werden und kurze Momente verlängert werden. Für uns ist 5 Minuten auf der Bühne manchmal gefühlt wie eine Ewigkeit.

Die fremde Sprache und heilige Tiere

Vor ungefähr 20 Jahren war ich zusammen mit zwei anderen Europäern in einem indischen Dorf zu einem religiösen Fest eingeladen. In diesem Teil von Indien, Karnataka, sprechen viele Menschen eine Sprache namens Kannada. In dieser Sprache gibt es zahlreiche Worte, die genau wie finnische Worte klingen, aber meistens eine ganz andere Bedeutung haben.

Wir waren also Ehrengäste in diesem religiösen Fest. Ein alter Mann sang religiöse Lieder. Alle hörten zu wie es sich gehört, ernsthaft und respektvoll. Leider wiederholte der Sänger immer wieder den Ausdruck « kana pakana » was auf Finnisch frei übersetzt etwas wie« das scheiß Huhn » bedeutet. Ich konnte kaum das Lachen verhindern und musste schnell einen Husten vortäuschen.

Eigentlich bezeichnet das Wort « pakana » auf Finnisch einen Ungläubigen, wird aber seit langem als einfaches Schimpfwort benutzt. Dass der alte Mann über ungläubige Hühner geschimpft hätte, schien mir wahnsinnig lustig. Bei Clown-Kursen leite ich immer noch gerne Übungen, wo ein Clown eine imaginäre Sprache spricht und ein anderer verstehen muss, was er will.

Es kann natürlich sein, dass in diesem Fall der Mann tatsächlich über ungläubige Hühner schimpfen wollte. In einem Land wie wo die allermeisten Menschen gläubig sind, sind Hühner womöglich die einzigen Ungläubigen. Sie sind ja auch nicht heilig wie Kühe oder Affen.

Mit den beiden letzteren kam ich in Kontakt. Als ein Affe meine Bananen geklaut hat, als wir gerade drei Stunden bei der Polizeiwache gebracht hatten, um den Verlust meiner Kamera zu melden, war ich machtlos. Gegen Götter kann man keine Anzeige erstatten.

Als ich eines morgens davon aufwachte, dass eine Kuh neben mir stand und ihr Maul in einem Getreidesack hatte, der zufällig auf der Bank neben mir lag, kam es zu einer religiösen Auseinandersetzung. Der Landeigentümer aus einer höheren Kaste fand, dass man die Kuh als heiliges Tier nicht stören durfte. Der einfache Bauer aber jagte die Kuh weg. Es wurde bewiesen, dass trotz allen kulturellen Unterschieden ein paar Grundregeln überall gelten. Wer dem Bauern sein Getreide frisst, soll weg, ob heilig oder nicht. Wie Brecht es so schön formuliert hat : « Erst kommt das Fressen, dann die Moral. »

Das wichtige Ich und die wichtige Arbeit

„Aber ich muss zur Arbeit.“ Der Satz klingt nicht besonders lustig, aber in einem bestimmten Kontext in der Pariser U-Bahn hat es ungewollt viel Lachen ausgelöst.

Es war ein Streiktag. Die U-Bahn in Paris ist schon immer in den Spitzenverkehrszeiten vollgepackt, aber in diesem Tag gab es Zugverkehr nur in einigen Linien und auch dort sehr unregelmäßig. Unserer Wagen war so voll, dass die Passagiere an den Türen sich geweigert haben, noch mehr Menschen einsteigen zu lassen. „Der Zug ist voll“, hat man laut geschrien.

Ein Mann stand vor der Tür und wollte das Einstiegsverbot nicht akzeptieren.

– Aber ich muss zur Arbeit.

Der Satz kam so spontan, als wäre ihm gar nicht die Idee gekommen, dass an diesem Tag tausende Andere auf ihrem Arbeitsweg blockiert waren.
-Und wir? Glaubst du, wir wollen alle einen Spaziergang machen?“

Vielleicht hatte der Mann eine sehr hohe Arbeitsmoral und glaubte sogar, dass die Welt untergeht, wenn er nicht ins Büro erscheint. Ein bisschen wie meine Mutter, als ein Arzt ihm gesagt hat, dass sie wegen Schwangerschaft ins Krankenhaus musste. Meine Mutter meinte, sie könne es nicht, da es in der Schule gerade Klausuren gab.

Später hat meine Mutter immer betont, dass es einem bestimmten Frauenarzt zu verdanken ist, dass ihre beiden Kinder überhaupt existieren. Ohne seine Hilfe wären wir nie in die Welt gekommen.

Die Gelegenheit, mich beim ihm zu bedanken, hat sich ganz unerwartet geboten. Ich habe in einer Firma Telefon-Umfragen durchgeführt und plötzlich sah ich auf meinem Bildschirm einen Namen, der mir bekannt war. Ob es er war?

Ein alter Mann war am Apparat. Ich war sicher, dass er der alte Arzt war, und ich hatte die Frage auf der Zunge, aber ausgesprochen habe ich sie nicht. Irgendwie passte es doch nicht in den Kontext einer Kundenzufriedenheitsumfrage, jemanden für seine Existenz zu danken. So habe ich einfach gefragt:

– Wie zufrieden waren Sie mit Ihren Autowerkstattbesuch?

Ich musste halt arbeiten. Immerhin habe ich ihm vielen Dank gesagt und einen schönen Tag gewünscht.

Sich schämen: Teil 2

In Frankreich habe ich ganz oft Möbel auf die Straße gefunden. Schöne Stühle, Lampen, kleine Regale… Alles einfach auf die Straße deponiert. Nicht schön und korrekt wegen Umwelt, aber praktisch, wenn man etwas Nützliches ganz ohne Mühe finden kann. Einmal habe ich so auf der Straße einen Stuhl in guten Zustand entdeckt und mit gepackt… bis ich jemanden schreien hörte. Im Augenblick habe ich verstanden, dass der Stuhl gar nicht auf die Straße zum Mitnehmen deponiert wurde, sondern einen Imbiss gehörte. Lächelnd habe ich mich entschuldigt. Der Mann lachte auch.

Für Clowns sind solche Momente Kernmomente. Wenn der Clown gerade etwas ganz Heimliches oder ganz Privates machen wollte und irgendwann bemerkt, dass er beobachtet wird, kann man diese Momente verlängern und die Peinlichkeit vergrößern.

Wenn die eigene Erfahrungen nicht ausreichen, kann kann man sich von den peinlichen Erfahrungen der Anderen inspirieren lassen. Jemand Andere ist immer noch blöder gewesen – wie diese Schauspielstudentin aus Argentinien, die ihre einzige Gelegenheit nutzen wollte, sich beim bekannten Regisseur Peter Brook zu präsentieren. Der Regisseur war im Theaterpublikum an einer Premiere. Die junge Argentinierin hat sich einfach vor ihm gestellt, hat aus ihren Tasche ihr CV geholt und gesagt: „Guten Abend, ich bin Schauspielerin und hier ist mein Lebenslauf.“ Brook hat sie geguckt als ob sie verrückt wäre, ohne ein Wort zu sagen oder sich zu bewegen bis sie zurückgetreten ist. „Entschuldigung, ich wollte nicht stören…“

So peinlich es bestimmt war, bin ich manchmal neidisch auf sie. Wenn sie irgendwann stirbt, kann sie mindestens sagen, dass sie es versucht hat, eine Rolle bei Peter Brook zu bekommen.

Sich Schämen: Teil 1

Das Gute am älter Werden ist, das man nicht mehr ganz so viel und ganz so leicht sich schämen muss. Als ich Anfang 20 war und in einem Studentenheim wohnte, fand ich es extrem schwierig, in der lokalen Supermarkt Kondome zu kaufen. Ich hatte einen Freund der in einer anderen Stadt wohnte und oft erst spät Freitag abends mit dem Zug kam. Ich war also zuständig, alles für das Wochenende vorzubereiten, inklusiv Getränke und Kondome einzukaufen.

Aber nur Kondome und Getränke zu kaufen fand ich unmöglich. Ich habe also einen großen Einkaufswagen genommen und den mit Lebensmittel gefüllt: am liebsten mit Produkten wie Milch, Brot, Müsli, Kartoffeln … Alles was irgendwie seriös und vernünftig wirkte und möglichst wenig mit Genuss zu tun hatte. Hätte ich etwa nur Bier, Kondome, Schokolade und Parfüm gekauft, wäre es ein Beweis für Leichtsinnigkeit gewesen. Mit Milch und Kartoffel könnte man dagegen glauben, dass ich eine junge Mutter war, die zwischen Einkaufen, Baby füttern und Studieren nun mal ab und zu auch Sex hatte.

Es war natürlich teuer, immer wegen einer Packung Kondome den ganzen Einkaufswagen füllen zu müssen, aber was tat man nicht wegen der Liebe! Außerdem hatte man mindestens auch was zum Essen für das ganze Wochenende.

Das schlimmste war, dass diese Vorbereitungen manchmal nichts geholfen haben. Als ich endlich vor dem Kondomregal stand und das Paket blitzschnell nehmen wollte, um das unter dem Toilettenpapier zu verstecken, hörte ich plötzlich meinen Namen rufen:

– He, was machst du hier? Wochenendeinkauf?

Heute versuche ich, mich an solchen Momenten zu erinnern, wenn ich als Clown spiele. Ich leite auch gerne Übungen, wo der Clown glaubt, dass er alleine ist, bis er bemerkt, dass er vom Publikum beobachtet wird. Die Peinlichkeit ist eine großartige Ressource.

Clowns und Existenz: Teil 2

Als ich in der Schule war, war Handwerksunterricht für mich ein Albtraum. Ich habe nie zugehört, wenn die Lehrerin erklärt hat, was wir uns holen und vorbeireiten mussten. Dann sah ich plötzlich alle anderen Schülern austehen und hin und hergehen, um den Anweisungen der Lehrerin zu folgen. Hilflos stand ich da und habe die Anderen gefragt: „Was hat sie gesagt? Was müssen wir tun?“ Wenn die Anderen nicht antworten wollten, habe ich mich einfach in der Schlange angestellt und versucht die Anderen zu imitieren, ohne die kleinste Idee was eigentlich der Plan war.

Vielleicht hat die Clownerie mir gerade deshalb so gut gefallen. Ein Clown konzentriert sich oft auf etwas ganz Anderes als was man von einem normalen Mensch erwartet. Wenn er bemerkt, dass er am falschen Ort ist oder eine wesentliche Information verpasst hat, ist es zu spät. Wenn ein Clown dann versucht sich zu verhalten als ob dieser Ort, diese Rolle oder diese Gegenstände ihm vertraut wären, obwohl ein Grundverständnis dafür fehlt, wirkt er natürlich albern und viel kann schief gehen.

Ein gutes Beispiel ist der Clown Arletti, gespielt von Catherine Germain, im berühmten Stück „Le sixième jour“ (Der sechste Tag). Arletti tritt vor Publikum mit einem Koffer und Mantel, um einen Vortrag zu geben, aber sie hat in Wahrheit überhaupt keine Ahnung, worüber sie sprechen wird. Sie will einfach spielen, dass sie einen Vortrag hält, und entdeckt den Text (die Schöpfungsgescichte in der Genesis) gleichzeitig mit dem Publikum. Der Effekt ist unglaublich. Die meisten kennen zwar die Geschichte, aber die Weise wie Arletti sie entdeckt ist so berührend, dass man mit Tränen in den Augen lachen muss.

Clowns und Existenz: Teil 1

– Mama, müssen wir alle sterben?

Diese Fragen stellen alle Kinder im Alter von ungefähr fünf oder sechs Jahren. Überrascht wurde ich, als meine Tochter kommentierte:

– Aber ich nicht.

Es war ein urclownesker Moment. Ein Clown nimmt war, das schlimme Sachen passieren und Naturgesetze jeden treffen, aber er selbst? Wie könnte ich sterben, weil ich das Zentrum des Universums für mich bin?

Das Leben ist absurd. Wir wissen nicht warum wir hier sind, wer wir eigentlich sind, warum es Leben gibt, warum wir geboren sind und sterben müssen, und Alle tun trotzdem so das Alles normal und in Ordnung wäre. Ein Clown ist eigentlich ein Wesen, der in diesem Zustand von Verwunderung geblieben ist und es zeigt. Albern, unsicher, ängstlich, aber auch voll Freude und Neugier. Und vor Allem: verwundbar.

Clownfischerei-Blog: sein oder Clown sein?

Ich werde oft gefragt, wie mir die Idee kam, Clownerie zu unterrichten. Diesen Blog habe ich begonnen, um eine Verbindung zwischen den Absurditäten des täglichen Lebens und der Clownerie zu explorieren. Es geht um ganz kleine Details und um etwas größeres: das menschliche Dasein aus der Sicht eines Clowns.