Das wichtige Ich und die wichtige Arbeit

„Aber ich muss zur Arbeit.“ Der Satz klingt nicht besonders lustig, aber in einem bestimmten Kontext in der Pariser U-Bahn hat es ungewollt viel Lachen ausgelöst.

Es war ein Streiktag. Die U-Bahn in Paris ist schon immer in den Spitzenverkehrszeiten vollgepackt, aber in diesem Tag gab es Zugverkehr nur in einigen Linien und auch dort sehr unregelmäßig. Unserer Wagen war so voll, dass die Passagiere an den Türen sich geweigert haben, noch mehr Menschen einsteigen zu lassen. „Der Zug ist voll“, hat man laut geschrien.

Ein Mann stand vor der Tür und wollte das Einstiegsverbot nicht akzeptieren.

– Aber ich muss zur Arbeit.

Der Satz kam so spontan, als wäre ihm gar nicht die Idee gekommen, dass an diesem Tag tausende Andere auf ihrem Arbeitsweg blockiert waren.
-Und wir? Glaubst du, wir wollen alle einen Spaziergang machen?“

Vielleicht hatte der Mann eine sehr hohe Arbeitsmoral und glaubte sogar, dass die Welt untergeht, wenn er nicht ins Büro erscheint. Ein bisschen wie meine Mutter, als ein Arzt ihm gesagt hat, dass sie wegen Schwangerschaft ins Krankenhaus musste. Meine Mutter meinte, sie könne es nicht, da es in der Schule gerade Klausuren gab.

Später hat meine Mutter immer betont, dass es einem bestimmten Frauenarzt zu verdanken ist, dass ihre beiden Kinder überhaupt existieren. Ohne seine Hilfe wären wir nie in die Welt gekommen.

Die Gelegenheit, mich beim ihm zu bedanken, hat sich ganz unerwartet geboten. Ich habe in einer Firma Telefon-Umfragen durchgeführt und plötzlich sah ich auf meinem Bildschirm einen Namen, der mir bekannt war. Ob es er war?

Ein alter Mann war am Apparat. Ich war sicher, dass er der alte Arzt war, und ich hatte die Frage auf der Zunge, aber ausgesprochen habe ich sie nicht. Irgendwie passte es doch nicht in den Kontext einer Kundenzufriedenheitsumfrage, jemanden für seine Existenz zu danken. So habe ich einfach gefragt:

– Wie zufrieden waren Sie mit Ihren Autowerkstattbesuch?

Ich musste halt arbeiten. Immerhin habe ich ihm vielen Dank gesagt und einen schönen Tag gewünscht.

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Sich schämen: Teil 2

In Frankreich habe ich ganz oft Möbel auf die Straße gefunden. Schöne Stühle, Lampen, kleine Regale… Alles einfach auf die Straße deponiert. Nicht schön und korrekt wegen Umwelt, aber praktisch, wenn man etwas Nützliches ganz ohne Mühe finden kann. Einmal habe ich so auf der Straße einen Stuhl in guten Zustand entdeckt und mit gepackt… bis ich jemanden schreien hörte. Im Augenblick habe ich verstanden, dass der Stuhl gar nicht auf die Straße zum Mitnehmen deponiert wurde, sondern einen Imbiss gehörte. Lächelnd habe ich mich entschuldigt. Der Mann lachte auch.

Für Clowns sind solche Momente Kernmomente. Wenn der Clown gerade etwas ganz Heimliches oder ganz Privates machen wollte und irgendwann bemerkt, dass er beobachtet wird, kann man diese Momente verlängern und die Peinlichkeit vergrößern.

Wenn die eigene Erfahrungen nicht ausreichen, kann kann man sich von den peinlichen Erfahrungen der Anderen inspirieren lassen. Jemand Andere ist immer noch blöder gewesen – wie diese Schauspielstudentin aus Argentinien, die ihre einzige Gelegenheit nutzen wollte, sich beim bekannten Regisseur Peter Brook zu präsentieren. Der Regisseur war im Theaterpublikum an einer Premiere. Die junge Argentinierin hat sich einfach vor ihm gestellt, hat aus ihren Tasche ihr CV geholt und gesagt: „Guten Abend, ich bin Schauspielerin und hier ist mein Lebenslauf.“ Brook hat sie geguckt als ob sie verrückt wäre, ohne ein Wort zu sagen oder sich zu bewegen bis sie zurückgetreten ist. „Entschuldigung, ich wollte nicht stören…“

So peinlich es bestimmt war, bin ich manchmal neidisch auf sie. Wenn sie irgendwann stirbt, kann sie mindestens sagen, dass sie es versucht hat, eine Rolle bei Peter Brook zu bekommen.

Sich Schämen: Teil 1

Das Gute am älter Werden ist, das man nicht mehr ganz so viel und ganz so leicht sich schämen muss. Als ich Anfang 20 war und in einem Studentenheim wohnte, fand ich es extrem schwierig, in der lokalen Supermarkt Kondome zu kaufen. Ich hatte einen Freund der in einer anderen Stadt wohnte und oft erst spät Freitag abends mit dem Zug kam. Ich war also zuständig, alles für das Wochenende vorzubereiten, inklusiv Getränke und Kondome einzukaufen.

Aber nur Kondome und Getränke zu kaufen fand ich unmöglich. Ich habe also einen großen Einkaufswagen genommen und den mit Lebensmittel gefüllt: am liebsten mit Produkten wie Milch, Brot, Müsli, Kartoffeln … Alles was irgendwie seriös und vernünftig wirkte und möglichst wenig mit Genuss zu tun hatte. Hätte ich etwa nur Bier, Kondome, Schokolade und Parfüm gekauft, wäre es ein Beweis für Leichtsinnigkeit gewesen. Mit Milch und Kartoffel könnte man dagegen glauben, dass ich eine junge Mutter war, die zwischen Einkaufen, Baby füttern und Studieren nun mal ab und zu auch Sex hatte.

Es war natürlich teuer, immer wegen einer Packung Kondome den ganzen Einkaufswagen füllen zu müssen, aber was tat man nicht wegen der Liebe! Außerdem hatte man mindestens auch was zum Essen für das ganze Wochenende.

Das schlimmste war, dass diese Vorbereitungen manchmal nichts geholfen haben. Als ich endlich vor dem Kondomregal stand und das Paket blitzschnell nehmen wollte, um das unter dem Toilettenpapier zu verstecken, hörte ich plötzlich meinen Namen rufen:

– He, was machst du hier? Wochenendeinkauf?

Heute versuche ich, mich an solchen Momenten zu erinnern, wenn ich als Clown spiele. Ich leite auch gerne Übungen, wo der Clown glaubt, dass er alleine ist, bis er bemerkt, dass er vom Publikum beobachtet wird. Die Peinlichkeit ist eine großartige Ressource.

Clowns und Existenz: Teil 2

Als ich in der Schule war, war Handwerksunterricht für mich ein Albtraum. Ich habe nie zugehört, wenn die Lehrerin erklärt hat, was wir uns holen und vorbeireiten mussten. Dann sah ich plötzlich alle anderen Schülern austehen und hin und hergehen, um den Anweisungen der Lehrerin zu folgen. Hilflos stand ich da und habe die Anderen gefragt: „Was hat sie gesagt? Was müssen wir tun?“ Wenn die Anderen nicht antworten wollten, habe ich mich einfach in der Schlange angestellt und versucht die Anderen zu imitieren, ohne die kleinste Idee was eigentlich der Plan war.

Vielleicht hat die Clownerie mir gerade deshalb so gut gefallen. Ein Clown konzentriert sich oft auf etwas ganz Anderes als was man von einem normalen Mensch erwartet. Wenn er bemerkt, dass er am falschen Ort ist oder eine wesentliche Information verpasst hat, ist es zu spät. Wenn ein Clown dann versucht sich zu verhalten als ob dieser Ort, diese Rolle oder diese Gegenstände ihm vertraut wären, obwohl ein Grundverständnis dafür fehlt, wirkt er natürlich albern und viel kann schief gehen.

Ein gutes Beispiel ist der Clown Arletti, gespielt von Catherine Germain, im berühmten Stück „Le sixième jour“ (Der sechste Tag). Arletti tritt vor Publikum mit einem Koffer und Mantel, um einen Vortrag zu geben, aber sie hat in Wahrheit überhaupt keine Ahnung, worüber sie sprechen wird. Sie will einfach spielen, dass sie einen Vortrag hält, und entdeckt den Text (die Schöpfungsgescichte in der Genesis) gleichzeitig mit dem Publikum. Der Effekt ist unglaublich. Die meisten kennen zwar die Geschichte, aber die Weise wie Arletti sie entdeckt ist so berührend, dass man mit Tränen in den Augen lachen muss.

Clowns und Existenz: Teil 1

– Mama, müssen wir alle sterben?

Diese Fragen stellen alle Kinder im Alter von ungefähr fünf oder sechs Jahren. Überrascht wurde ich, als meine Tochter kommentierte:

– Aber ich nicht.

Es war ein urclownesker Moment. Ein Clown nimmt war, das schlimme Sachen passieren und Naturgesetze jeden treffen, aber er selbst? Wie könnte ich sterben, weil ich das Zentrum des Universums für mich bin?

Das Leben ist absurd. Wir wissen nicht warum wir hier sind, wer wir eigentlich sind, warum es Leben gibt, warum wir geboren sind und sterben müssen, und Alle tun trotzdem so das Alles normal und in Ordnung wäre. Ein Clown ist eigentlich ein Wesen, der in diesem Zustand von Verwunderung geblieben ist und es zeigt. Albern, unsicher, ängstlich, aber auch voll Freude und Neugier. Und vor Allem: verwundbar.

Clownfischerei-Blog: sein oder Clown sein?

Ich werde oft gefragt, wie mir die Idee kam, Clownerie zu unterrichten. Diesen Blog habe ich begonnen, um eine Verbindung zwischen den Absurditäten des täglichen Lebens und der Clownerie zu explorieren. Es geht um ganz kleine Details und um etwas größeres: das menschliche Dasein aus der Sicht eines Clowns.